GruĂźwort des Bischofs von Hildesheim Dr. Josef Homeyer zur Festveranstaltung EL PUENTE

28. September 2001

Nach dem 11. September 2001, meine Damen und Herren, müssen alle Reden neu geschrieben werden. Das gilt allemal für diesen Festakt zur Gründung der Stiftung EL PUENTE. Allemal – weil das Erschrecken unter den politisch, sozial und kulturell Aufmerksamen so groß ist. Allemal – weil nun, nach dem 11. September das Vertrauen in unsere „großen Wörter“ neu gelernt werden muss.

So zeigen sich im Erschrecken und in den ersten vorsichtigen Versuchen des Lernens Rückfragen: Was ist mit unseren großen Leitbegriffen Gerechtigkeit, Solidarität, Teilhabe im 21. Jahrhundert? Stimmen die politischen Optionen des vergangenen Jahrhunderts von Globalisierung, Ökonomie und Multikulturalismus noch für die nächsten Jahrzehnte? Müssen nicht die alten kulturellen Settings von „Säkularismus gegen Religion“oder „Individualisierung gegen Tradition“ überprüft werden? Oder treiben diese Grundbewegungen der Moderne nicht gerade den Fundamentalismus hervor, der sich gegen Religion wie gegen Aufklärung, gegen Individuum wie gegen Tradition richtet?

Wir stehen nun, da das 21. Jahrhundert mit apokalyptischen Schrecken begonnen hat, vor einem Fragegebirge. Wir müssen das Projekt des „Eine-Welt-Werdens“ neu denken.

Mit Unternehmenszahlen und schwächlichem multikulturellem Nebeneinander war dieser Prozess allenfalls auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gebracht. Zu wenig Menschen finden auf diesem Nenner Platz.

II.

Wir stehend nach dem 11. September 2001 mit leeren Händen da; egal ob wir zur Besonnenheit oder zu Entschiedenheit aufrufen.

Wer kann denn wirklich sagen, wie die Welt des 21. Jahrhunderts aussehen soll?

In diesem Einschnitt kommt es m.E. darauf an, dass wir unsere Visionen nicht aufgeben. Wie kann das gelingen?

Ich möchte an diesem Abend hierzu einige Vorschläge aus der christlichen Tradition machen – Vorschläge allerdings, die wir Christen mit den Juden und Muslimen teilen. Sie sind das Erbe der abrahamitischen Religionen (Juden, Christen, Islam).

1.        FĂĽr eine neue Politik, nämlich eine Politik der Verständigung:

Unsere Visionen des Werden der einen Welt waren in vergangenen Jahrhundert zu stark westlich imprägniert. Der ökonomische Erfolg hat uns kulturell verblendet – die Urheber wie die Nachahmer dieses Erfolgs. Ökonomischer Erfolg braucht ökonomische Sachlogik, gewiss, dieseist aber Teil kultureller Verständigung – sie ersetzt sie keineswegs. Anders gesagt: Ökonomische Sachlogik darf nicht sprachlos machen, darf nicht die je eigene Kultur missachten, zerstören.

Wenn wir wirklich an der Vision der einen Welt festhalten wollen, wenn wir nicht noch einmal aufspalten wollen zwischen Siegern und Verlierern, brauchen wir neue Formen der Verständigung. In der Tradition christlichen Denkens und christlicher Glaubenspraxis, in Orthodoxie und Orthopraxie, gilt: Es gibt für unsere Visionen keine Spaltung in Subjekte und Objekte. Entweder alle sind Subjekte der Vision oder sie steht im Verdacht, Ideologie zu sein. Wir müssen die Vision der einen Welt miteinander teilen, und zwar so, dass in dieser Verständigung kulturelle Teilhabe, Subjektsein aller, sichtbar wird. Universale Verständigung schließt Diskurs und Kritik ein, sie widersteht gleichwohl dem Drang kultureller Entwertung des Anderen. Kulturelle Verständigung ist immer schon Anerkennung des Anderen in seiner Andersheit.

Die letzten Visionen der Bibel in der Offenbarung des Johannes von der „neuen Stadt Jerusalem“ sind Visionen nicht für Konzernetagen und nicht für den Westen exklusiv, sondern für alle Menschen, denn schließlich sollen im neuen Jerusalem „alle Tränen abgewischt“ werden. Wer an dieser erzchristlichen Vision festhält, muss sich auf Verständigung mit allen einlassen. Wer Verständigung verweigert, verdunkelt Hoffnungen.

2.        FĂĽr eine neue Politik, nämlich eine Politik der Gerechtigkeit.

Wir brauchen in einer Politik universaler Verständigung nicht nur kulturelle, sondern damit verbunden ökonomische Teilhabe. Dazu sind die Prinzipien der ökonomischen Effizienz unter den Kriterien der Personwürde einzubeziehen. Was nützte eine Verständigung, deren materielle Basis Mangel ist? Was nützte kulturelle Teilhabe, wenn unsere Kinder verhungern?

Gerechtigkeit muss sich nach christlicher Überzeugung im Angesicht der Opfer, nicht miteinander bewähren. Für eine Religion unter dem Kreuz, für einen Glauben, der einen Aufschrei im Kern hat, kann es keine Gerechtigkeit als Vertrag zu Lasten Dritter geben. Es ist ausgeschlossen, dass sich hierzulande Tarifpartner „gerecht“, aber zu Lasten von Arbeitslosen verständigen. Es ist ausgeschlossen, dass Unternehmensgewinne „gerecht“ geteilt werden, solange die Welthandelspreise nicht stimmen. Wer also Gerechtigkeit will, muss dies im Angesicht der Schwächsten bewähren. Wer Globalisierung will, muss die Globalisierungsverlierer zur Sprache bringen. Denn die Globalisierung zielt nicht auf Reichtum einiger, sondern auf Gerechtigkeit für alle.

Das Gewicht diese Prinzipien (Politik der Verständigung, Politik der Gerechtigkeit), liegt in den Erfahrungen: Die Globalisierung des 20. Jahrhunderts hat die Verlierer viel zu wenig gesehen und vor allem nicht zur Sprache gebracht. Die Globalisierung des 2w1. Jahrhunderts muss sich noch bewähren im Angesicht der Schwächsten.

Dank den Stiftern, den An-Stiftern und Mit-Stiftern und allen, die EL PUENTE die BrĂĽcke mitbauen! Ihnen allen dabei Gottes Segen, inbesondere Phantasie und Beharrlichkeit.

Vielleicht spüren viele heute besonders, nach dem 11. September, dass der politische und kulturelle Grad, auf dem wir alle mit unseren Visionen unterwegs sind, schmal ist. Aber wir müssen durch das nadelöhr einer anderen Gestaltung der Globalisierung.

Am 8. September, drei Tage vor der schrecklichen Katastrophe, schrieb der palästinensische Dichter Mahmud Derwiche in Le Monde über die hohe Zahl der Selbstmordattentate im Nahen Osten: „Das Problem der neuen Beziehung der Palästinenser zum Tod kann nur gelöst werden, wenn man ihnen die Pforte zum Leben öffnet.“ – Das gilt im weltweiten Maßstab. Geltung wird dies aber nur erlangen, wenn Menschen in konkreten Maßnahmen Projekte wagen, Tore zum Leben aufzustoßen. Dies ist die Stunde der internationalen Zivilgesellschaft, zu der EL PUENTE gehört.

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